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Geschichte des Standorts Seewiesen
Seewiesen ist ein kleines Areal in
Oberbayern, zwischen Starnberger See und Ammersee gelegen. Von 1958 bis 1999 war
es Standort des Max-Planck-Instituts für Verhaltensphysiologie und
jahrzehntelang Wirkungsstätte des Nobelpreisträgers Konrad Lorenz (links im Foto). Schon 1937
hatte Lorenz zusammen mit Erich von Holst (rechts im Foto) Überlegungen angestellt zur Gründung
eines Max-Planck-Instituts für Verhaltensphysiologie. Doch der Krieg vereitelte
ihre Pläne. Erst am 1. April 1954 wurden sie im Beschluss des Senats der
Max-Planck-Gesellschaft zur Gründung eines Max-Planck-Instituts für
Verhaltensphysiologie verwirklicht und von Holst zum Direktor sowie Lorenz zu
seinem Stellvertreter berufen.
Für den Institutsneubau suchte man ein Gelände, das es erlaubte, sich frei
bewegende Tiere ungestört und unter möglichst natürlichen Lebensbedingungen zu
beobachten. Wasser war unerlässlich, da Lorenz und seine Mitarbeiter vor allem
mit Gänsen und Enten arbeiteten. Das Areal um den Ess-See erfüllte alle
Forderungen. Im Juni 1955 konnte das Nutzungsrecht des Sees und ausreichendes
Gelände erworben werden. Am Nordufer des Ess-Sees wurden zunächst zwei
Laboratoriumsbauten, ein Wohnhaus sowie die nötigen Werkstätten und
Wirtschaftsgebäude errichtet. Den Namen Seewiesen schufen die Direktoren als
Gelände beschreibende Adresse. Die Anlage wurde am 16. September 1958 in
Gegenwart von Otto Hahn, dem damaligen Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft,
eingeweiht.
Noch während des Baues wurden dem Institut zwei weitere Abteilungen
angegliedert: die Abteilung von Gustav Kramer, der sich mit dem
Orientierungsvermögen von Tieren, insbesondere Vögeln, über weite Strecken
befasste und die Abteilung von Jürgen Aschoff, der sich mit biologischen Uhren
beschäftigte. In Erling-Andechs, sechs Kilometer entfernt von Seewiesen, konnte
ein größeres Anwesen mit zwei Gebäuden erworben werden, in dem die Abteilung von
Aschoff untergebracht wurde. 1959 verunglückte Kramer tödlich zum Leiter der
Abteilung wurde deshalb am 1. Dezember 1960 Horst Mittelstaedt berufen (ab 1.
Januar 1966 Direktor), ein langjähriger Mitarbeiter von v. Holst, der sich mit
der regeltechnischen Analyse komplizierter Orientierungsweisen und
Instinktbewegungen befasste.
Am 26. Mai 1962 starb Erich von Holst. An seine Stelle trat mit einer neuen
Abteilung Dietrich Schneider (1. Juli 1964). Sein Forschungsgebiet war die
chemische Kommunikation, speziell die Physiologie, Biochemie und Biophysik des
Geruchssinnes von Insekten, auch die Biosynthese von Pheromonen, die
Orientierung mithilfe chemischer Sinnesorgane sowie deren Feinstruktur. 1972
wurde diese Abteilung durch die Berufung von Karl-Ernst Kaißling zum
Wissenschaftlichen Mitglied erweitert, dessen Arbeitsgebiet besonders die
Reiz-Erregungsumwandlung in der Riechzelle umfasste.
Im Jahre 1973 erhielt Konrad Lorenz zusammen mit Nikolaas Tinbergen und Karl Ritter von Frisch für seine
wegweisenden Arbeiten auf dem Gebiet der Verhaltensforschung den Nobelpreis für
Medizin. Tinbergen war nicht nur ein langjähriger wissenschaftlicher Weggefährte
von Lorenz, sondern seit 1960 auch Auswärtiges Wissenschaftliches Mitglied des
Instituts in Seewiesen. Noch im selben Jahr wurde Lorenz emeritiert und kehrte
auf sein väterliches Anwesen in Altenberg/Greifenstein (Niederösterreich)
zurück. Sein langjähriger Mitarbeiter Irenäus Eibl-Eibelsfeldt wurde zwei Jahre
später, 1975, zum Leiter einer Forschungsstelle für Humanethologie berufen.
Mit der Berufung von Wolfgang Wickler (9. März 1973) und Franz Huber (1. Oktober
1973) erfuhren die Forschungen am Institut eine neue Ausrichtung. Wickler
forschte auf dem Gebiet der Soziobiologie, Huber befasste sich mit den
neuronalen Grundlagen des Verhaltens von Grillen und Heuschrecken. Wolfgang
Wickler musste das Institut dann nach der Emeritierung von Schneider, Huber
und Mittelstaedt durch seine schwierigste Phase führen: Im Rahmen des
Föderalen Konsolidierungsprogramms beschloss der Senat der
Max-Planck-Gesellschaft 1997 das Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie
zu schließen. Der ornithologisch ausgerichtete Arbeitsbereich sollte allerdings
beibehalten werden und wurde als Max-Planck-Forschungsstelle für Ornithologie fortgeführt.
Die Leitung übernahm Eberhard Gwinner, der bereits seit 1991 Direktor am Institut gewesen war
und Peter Berthold, der im April 1998 mit Gründung der Forschungsstelle zum Direktor berufen wurde.
Im Mittelpunkt der Arbeiten an der Forschungsstelle standen Untersuchungen zum Vogelzug aus physiologischer
(Abteilung Gwinner) und ökologischer bzw. genetischer (Abteilung Berthold) Perspektive.
Im Jahre 1999 wurde an der Forschungsstelle eine Selbständige Nachwuchsgruppe unter der Leitung des Verhaltensökologen
Bart Kempenaers eingerichtet. In Anbetracht der für 2004 und 2006 anstehenden Emeritierungen von Peter Berthold und
Eberhard Gwinner, der dann ganz unerwartet im September 2004 verstarb, wurde über die mögliche Nachfolge beraten.
Im Dezember 2003 wurde Bart Kempenaers zum Direktor und Wissenschaftlichen Mitglied berufen. Gleichzeitig erging ein Ruf an Manfred Gahr,
der zu diesem Zeitpunkt Professor an der Universität von Amsterdam war und vormals Nachwuchsgruppenleiter in Seewiesen.
Gahr, der an den neuronalen Grundlagen von Verhalten arbeitet, nahm den Ruf zum 1. Oktober 2004 an und übersiedelte
schließlich im Spätsommer 2005 aus den Niederlanden nach Deutschland. Im März 2004 wurde die
Forschungsstelle in das Max-Planck-Institut für Ornithologie umbenannt.
Beide Direktoren richteten ihre wissenschaftlichen Abteilungen in Seewiesen ein und führten die Vogelwarte in Radolfzell
als Außenstelle weiter. Dort nahm im Dezember 2007 Martin Wikelski den Ruf als neuer Direktor an.
Er ist zudem Professor und Lehrstuhlinhaber an der Universität Konstanz.
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